Vorwände

26. August 2009

Ich sollte konkreter werden, ja? Mein erster Auftrag in L.A. führte mich mit diesen vier Gestalten zusammen und ist sehr seicht formuliert. Er mutet an wie die Beschreibung einer Widerstands-Guerilla-Aktion. Wir haben vier antik aussehende technische Geräte bekommen, die wir an vier Antennen in der Stadt anbringen sollen. Natürlich habe ich mir die Dinger angeschaut! Aber ich werde nicht schlau daraus und Nein! Nicht, weil ich eine Frau bin oder kein Verständnis davon hätte – aber … ach – ich habe einfach keine Zeit, mir diese Relikte näher anzusehen. Und auch kein Interesse. Geld soll es dafür geben – das genügt mir erst einmal.

Wir sind vorhin zum Standort der ersten Antenne gefahren. Tja – was soll ich sagen – einfach wird es nicht. Ein Bürogebäude der “White Star Consulting” – einer PR-Agentur. Mit Stacheldraht umzäunt – Sicherheitsgardisten, Kameras, biometrische Scanner aber … nun – zum Glück bin ich ja dabei. Und die Rothaarige, die mich auf eine Idee bringt.

Wir haben einen Heidenspaß dabei, uns eine Geschichte auszudenken – einen Vorwand, um das Gebäude zu betreten. Als Kunden – auf legalem Wege. Ich habe die Idee, unsere Rush als ein Model auszugeben, für das wir wegen einer vorstehenden Kampagne für einen Parfümhersteller eine Beratung brauchen. Ich suche im Netz nach einer VIP, die ihr ähnlich sieht und finde sie. Ein Model mit dem wohlklingenden Künstlernamen “Fallender Lotus” – wie ich es hasse, wenn meine Kultur zu Marketingzwecken so verdreht wird! – und so steht der Plan:

Mars wird ihren Manger mimen, 13 den Designer, ich die Visagistin. Ace wird uns von außen beistehen und so gehen wir hinein. Wagemutig, nicht wahr? Vor allem in Anbetracht dessen, dass wir uns noch gar nicht kennen aber – mal ehrlich – ich hätte den Job auch allein durchgezogen. Was sollte mich also daran hindern, ihn mit etwas Hilfe zu schaffen?

Am Empfang wird uns ein Junior Executive Manager zugeteilt, der Zeit für uns hat. Wir fahren hinauf in den 16. Stock, wo sein Büro ist – was mir sehr zusagt. Je höher desto besser – denn ich muss zur Antenne auf’s Dach! Auf dem Stockwerk angekommen verschwinde ich mit Rush ‘Fallender Lotus’ auf Toilette und sehe mich im Sicherheitssystem des Gebäudes um. Lächerlich, wirklich. Simpelste Sicherheitsmechanismen, kaum vorhandene Wächterprogramme. Ich öffne das einzige Schloss, das mir im Weg steht – unser Model verlässt inzwischen die Toilette und begibt sich zur Kundenberatung mit den anderen – und ich hacke mich in die Kameras, die meinen Weg säumen würden, und laufe los.

Und da geschieht es: Ein Moment der Unachtsamkeit, und mein Eindringen wird bemerkt. Ein stiller Alarm – der wirklich schnell zu einem lauten wird. Sicherheitsgardisten nähern sich – ich flüchte nach vorn! Ich war nie eine Frau, die sich zurückfallen lässt. Dem Ziel entgegen – hinauf auf’s Dach. Was sollte sich mir schon entgegenstellen – außer einer Horde misstrauischer muskelbepackter Bauarbeiter?

Reallife

25. August 2009

Die Türen der Monorail öffnen sich.

Ein Auftrag – gut und schön. Aber warum hier? Warum musste der wunderliche Anrufer darauf bestehen, dass ich physisch irgendwo anwesend bin? Welcher Kleingeist hat nur so etwas ersonnen?

Wie dem auch sei – die Türen öffnen sich und ich muss tatsächlich ein Schließfach finden! Nein – das ist keine Metapher für eine codierte Datei – ich meine wirklich eines in dieser Haltestelle. Die AR weist mir den Weg dahin und – damit beginnt es. Ich bin nicht allein. Vor meinem Schließfach stehen schon zwei andere und schauen es viel zu skeptisch an.

Ich breche das Schweigen und bemerke, dass dies mein Schließfach sei und … kurzum: Wir alle – nunmehr 5 an der Zahl – sind wohl vom selben Wesen, das sich ‘Weatherman’ nennt, an diesen Ort geschickt worden um gemeinsam dieses Fach zu öffnen. Wir entnehmen ihm einen Datenträger und 4 anscheinend antike ähnlich aussehende technische Geräte und begeben uns hinaus – weg von den Sicherheitsleuten der Monorailstation.

Draußen sichten wir das Material und stellen uns einander vor. Wen haben wir denn da?

  • Da ist Ace. Ein Mensch, der sich anscheinend durch sein Auto profiliert. Eine aufgemotzte Karre, um die wir gerade alle herumstehen. Ich glaube, selbst die Spoiler haben Spoiler! Er selbst wirkt sehr gefasst, überlegt. Aber zurückhaltend.
  • Ein blonder langhaariger Typ, der sich 13 nennt. Mit seiner Tiefenwahrnehmung scheint es nicht weit hin zu sein – denn seine glatten blonden Haare verdecken öfter mal eines seiner Augen. Er trägt Waffen unter seiner Jacke – das erkannte ich gleich – aber er scheint vernünftig.
  • Dazu ein Modepüppchen. Designerklamotten, mehr Make-Up als Haut im Gesicht und feuerrotes Haar. Eine Elfe – zurückhaltend und kühl. Doch irgendetwas scheint merkwürdig an ihr. Als ‘Rush’ stellt sie sich vor, und das neu und schnell aussehende Motorrad, das neben dem Spoilerwagen steht, scheint ihres zu sein.
  • Und dann noch ein … ein Kerl. Ich mag ihn nicht zu lange anschauen – er scheint mir der Typ zu sein, der das als Anmache versteht aber soweit ich bemerkte ist er modetechnisch das Gegenteil unserer Hochglanzelfe – und auf Sauberkeit scheint er keinen besonderen Wert zu legen. Aber er wirkt selbstsicher. Er scheint diese Art von Auftragsanbahnungen gewöhnt zu sein.

Nun – wie es scheint, bin ich das einzig interessante Wesen in diesem Haufen. Doch – noch interessanter finde ich die Gegenstände aus dem Schließfach. Da sind tatsächlich Drähte daran – und klobige, viel zu große Stecker. Speicherchips und – am Gehäuse wurde wohl gespart. Ich twittere ein Bild davon doch – niemand scheint so etwas schon gesehen zu haben. Dazu gab es noch ein Comlink.

Die Botschaft ist von der Stimme meines Anrufers gesprochen und weist uns an, die Geräte an Antennen anzubringen, die quer über LA verteilt sind. Bin ich eine Botin? Ich glaube kaum, dass diese Aufgabe auch nur annähernd meinen Fähigkeiten gerecht wird aber – immerhin wurde uns angemessene Bezahlung versprochen.

Wenigstens zetern meine Gefährten nicht lange, und wir machen uns auf den Weg. Ich fahre bei Ace mit – sein Fahrstil ist… effektiv.

Wetterwechsel

24. August 2009

Ich muss sagen, es gibt kaum schönere Wege als die, welche durch die belebten und geschäftigen Gegenden der Stadt führen. Nicht nur, dass man von der tristen Realität nichts mehr erkennt, weil alles – ja wirklich alles – von mehreren Schichten aus AR-Objekten verdeckt wird. Es ist nährstoffreich. Alles fließt – ich spüre es. Ich fühle mich, als würde ich nicht laufen müssen – als könne ich mich an einem Netz aus Informationen entlanghangeln.

Ein Beobachter sieht mich natürlich nicht in tarzanesquen Bewegungen den Großstadtdschungel durchschreiten – sondern erhabenen, eiligen Schrittes die Passantenströme durchpflügen. Respektvoll macht man mir Platz – auch wenn ich niemanden mit Augenkontakt belohne. Natürlich tun sie das! Das tun sie immer.

‘Ein sojaverwandtes, muntermachendes Heißgetränk’ schießt es mir durch den Kopf – ‘das wäre es!’ – und ehe ich es realisiere habe ich einen Datenstrom gefunden, der mich zu einem entsprechenden Lokal führt. Ohne dieses Talent hätte ich wohl ewig gesucht – selbst wenn in meinem Blickfeld sicher 5 AR-Anzeigen für ebensolches zu sehen sind.

Ich lasse mich nieder – auf einem zu hohen Designerhocker mit Blick nach draußen. Das Glas ist verspiegelt, doch das ist mir gleich. Ich gehe in die AR, bestelle mir etwas schaumig-süßes und als ein fliegendes Tablett es vor mir abstellt halte ich mich an dem Getränk fest. Gerade als ich einen Tweet verfasse, in dem ich mich über meine Sitzgelegenheit auslassen möchte, klingelt mein Comlink. Es klingelt! Keine IM, keine DM, keine Mail – eine Audioverbindung bahnt sich an. Wie unhöflich! Genervt nehme ich an und… das Unheil nimmt seinen Lauf.

Wohnungssuche

24. August 2009

LA ist ein Drecksloch. Ein Paradies! Ein Sündenpfuhl, eine stinkende Kloake, ein Schwarm kreischend blinkender Lichter und ewige stille Dunkelheit.

Mittendrin habe ich mir eine Bleibe gesucht. In einem der Viertel, in der der Wert einer solchen mit dem Abstand zum Boden nicht wegen der Aussicht, sondern der Sicherheit steigt. Ich fühle mich sicher genug, um hier zu schlafen – und es ist hübsch hier! Riesige Panoramafenster – mit Blick auf das blaue Meer. Sandige Strände – ameisenkleine Menschen. Möbel in Teakholz, Chrom und schwarzem Leder.

Meine Putzfrau hat viel zu tun – aber sie arbeitet fleißig. Manchmal sehe ich ihr dabei zu. Ashley ist ihr Name – und wie sie sich abmüht!

Ein jedes meiner Möbelstücke ist geformt aus einer Stimmung – einem Gedanken, einer Emotion. Das Wetter vor den Fenstern – und der Staub auf den Oberflächen sind in einen Kontext gewobene Datenströme, die aus den wenigen interessanten Knoten tropfen, denen ich öfter einen Gedanken zuwerfe. Ashley ist plump. So hübsch sie aussehen mag – wie einem Katalog für Fetischkleidung entsprungen – so ist und bleibt sie stupider Code. Nach immer dem selben Muster versucht sie, die Möbel in meiner Wohnung zu säubern und ist überfordert. Sie ist gleichmäßigen Staub gewöhnt. Nach Gauß normal verteilten. Keinen emotionalen.

Ich werde sie einmal selbst formen müssen. Aber oft erinnert mich ihre Unzulänglichkeit daran, dass es eine andere Welt gibt. Manchmal wechsle ich dann aus der AR – für einen Augenblick. Sehe auf vergilbte Wände, kleine vergitterte Fenster und Füße, die davor hektisch entlanglaufen.

Ich muss hier raus. Auf einen Kaffee. Ich schreibe morgen weiter.